The Last of Us – Part 1: Das (vielleicht beste) überflüssigste Remake aller Zeiten

Dass Naughty Dog The Last of Us neu auflegt, war ein offenes Geheimnis. Der Trailer bestätigt nun, wie unnötig dieses Remake ist.

The Last of Us: Part 1

Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal The Last of Us gespielt habe. Kein anderes Spiel zuvor und danach hat es geschafft, dass ich bereits zehn Minuten, nachdem ich auf "Neues Spiel" gedrückt habe, emotional ergriffen war. Dieser Prolog, in dem man nicht Hauptcharakter Joel steuert, sondern seine Tochter, und der in jener Nacht spielt, in der die Apokalypse begonnen hat, ist einer der besten Videospieleinstiege aller Zeiten, der noch dazu ein absolutes Meisterwerk einleitet.

Der Moment mit den Giraffen ist für mich eine der schönsten Szenen überhaupt, die ich jemals in einem visuellen Medium erlebt habe. Er übertrifft sogar meine Lieblingsszene aus Danny Boyles Zombiefilm "28 Days Later", in der die Protagonisten einen Supermarkt durchstöbern und voller Freude alles in den Einkaufswagen schmeißen, worauf sie Appetit haben. Es sind diese Momente des kurzen Friedens und Glücks, die im Kontrast zu all den Schrecken stehen, die die Helden den Rest der Geschichte erleiden müssen, die ich so sehr mag. Sie zeigen, dass auch in düstersten Zeiten Platz für lichte Momente ist. Und wenn man mich fragt, hat Naughty Dog diesen Grundgedanken nochmal besser umgesetzt, als es Boyle und seinem Team gelungen ist.

Nun bietet mir Sony im September an, jene fantastische Szene auf meiner PlayStation 5 erneut zu bewundern und sie dank besserer Grafik noch mehr genießen zu können – und ich denke mir nur: "Ja, ne, brauch ich eigentlich mal so gar nicht."

Remakes sind ja ok, aber doch nicht so welche

Dass Naughty Dog an einem Remake von The Last of Us arbeitet, wissen wir schon seit über einem Jahr. Im April 2021 berichtete Jason Schreier von Bloomberg darüber und wenn der Mann Infos von Insidern verbreitet, sind sie nahezu immer korrekt. Insofern war es keine große Überraschung, dass bei der gestrigen Eröffungsshow des Summer Game Fest 2022 Neil Druckmann auf die Bühne kam, um The Last of Us: Part 1 zusammen mit einem eigenständigen Multiplayer-Titel anzukündigen (und der Info, dass Troy Baker sowie Ashley Johnson, die Sprecher von Joel und Ellie, in der HBO-Serie mitspielen). Hinzu kommt noch, dass der Trailer und die Screenshots zur Neuauflage schon Stunden vorher im Netz aufgetaucht sind. Upsi! Da hat wohl jemand bei Sony nicht aufgepasst.

Nun stehe ich Remakes nicht grundsätzlich kritisch gegenüber. Mit ein paar Exemplaren aus der jüngeren Vergangenheit habe ich großen Spaß gehabt: Resident Evil 2, der Mafia: Definitive Edition, Demon's Souls. Im Fall von ersterem und letzterem kannte ich das Original nicht, Mafia wiederum ist eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Die mitreißende Gangstergeschichte in modernem Gewand, deutlich besserem Gameplay und sogar einigen Aufwertungen hinsichtlich der Erzählung erleben zu dürfen, war eines meiner Highlights 2020. Würde mir ein Remake von The Last of Us das Gleiche bieten, wäre das großartig.

Der Haken an der Sache: Die in wenigen Monaten erscheinende Neuauflage kann gar nicht in der Lage dazu sein. Also ja, die Grafik sieht besser aus als im Original. Das demonstrieren vor allem die Vergleichsbilder gut. Sicherlich erwarten uns auch spielerische Optimierungen. Das Gunplay zum Beispiel ist in The Last of Us: Part 2 nochmal ein Stück besser als im Vorgänger und es ist davon auszugehen, dass die Spielmechaniken des Remakes mit denen der Fortsetzung identisch sein werden. Es deutet alles darauf hin, dass The Last of Us: Part 1 ein noch großartigeres Erlebnis als die Variante aus dem Jahr 2013 wird. Aber im Unterschied zu Mafia ist das originale The Last of Us heute noch ein fantastisches Spiel – ganz ohne rosarote Retro-Brille. Das Ding ist noch nicht mal zehn Jahre alt und hat 2014 sogar noch ein Remaster für die PlayStation 4 erhalten. Es macht selbst grafisch nach wie vor eine gute Figur, auch wenn sich die technischen Möglichkeiten stark weiterentwickelt haben, insbesondere was Charaktermodelle sowie -animationen betrifft.

Den Fans gefällt's

Wenn ich Lust habe, das erste Abenteuer mit Joel und Ellie nochmal zu bestreiten, dann spiele ich einfach das Remaster. Nie würde ich mir dabei denken: "Hmm, also man könnte ja schon langsam mal eine neue Version mit besserer Optik produzieren." Sonst müsste ich bei einem GTA 5 genauso empfinden. Und ja, ich weiß, dass Rockstars Open-World-Hit erst dieses Jahr für die PS5 und Xbox Series X/S erschienen ist. Aber dabei handelt es sich nun mal bloß um Portierungen und kein Remake.

Gerade von einem so talentierten Team wie Naughty Dog möchte ich doch neue Spielerfahrungen bereitet bekommen, keine aufgewärmte Pizza, selbst wenn sie nochmal mit einer Extraladung Käse und frischen Gewürzen aufgewertet wird. Aber offensichtlich teilt diese Meinung längst nicht jeder. Die Kommentare auf YouTube unter dem Trailer zu The Last of Us: Part 1 strotzen nur so vor Vorfreude. "Ich habe das Gefühl, dass dies das schönste Spiel in der Geschichte wird. Das Original wird auf ewig in meinem Herzen bleiben, aber das hier ist ein völlig neues Level", schreibt ein Fan. Diese Worte hätte ich eins zu eins vor zwei Jahren auf Mafia: Definitive Edition übertragen können, aber nochmal: In dem Fall hatte das Original bereits 18 Jahre auf dem Buckel und war nicht nur optisch veraltet.

The Last of Us - Joel und Ellie

Ja, Charaktere in heutigen AAA-Spielen sehen nochmal deutlich besser aus, aber der Joel und die Ellie aus dem originalen The Last of Us machen doch immer noch eine gute Figur.

Ist The Last of Us: Part 1 nur der Anfang?

Wenn wir uns heute schon auf Remakes von Spielen freuen, die keine Dekade alt sind, und bei Release in Strömen auf den "Kaufen"-Button im Online-Shop klicken, wo soll das bitte hinführen? Schreien dann auch schon in drei Jahren Leute nach einem Remake von Elden Ring, denn hey, das war ja schon bei seiner Veröffentlichung grafisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Und wisst ihr, wie alt The Witcher 3 mittlerweile ist? Sieben Jahre! Ja, verdammt, das gilt doch dann auch schon bald als ein historisches Relikt. Wird Zeit, dass CD Projekt mal ein Remake macht!

Man kann in solchen Fällen gerne Remasters produzieren. Genau das geschieht derzeit im Fall des letzten großen Abenteuers von Geralt von Riva. Aber warum muss man denn ein Spiel, das nach neun Jahren immer noch absolut großartig ist, komplett in neuer Engine nachbauen? Zudem erweckt der Trailer nicht den Eindruck, als würde Naughty Dog größere Änderungen vornehmen. Ich erkenne einzelne Szenen exakt wieder. Es ist relativ offensichtlich, dass The Last of Us: Part 1 ein 1:1-Remake sein wird. 

Zugegeben, alles andere wäre auch Quatsch. Wenn Capcom beim neuen Resident Evil 4 auf eine düsterere Atmosphäre setzt und das Spiel mehr klassischer Survival-Horror im Stil von Teil 2 und 3 statt wie das Original auf Action fokussiert ist, ergibt das Sinn. Aus The Last of Us nun ein leichtfüßiges Abenteuer à la Uncharted zu machen, in dem Joel einen flotten Spruch nach dem anderen von sich gibt, als hätte er Nathan Drake zum Frühstück verspeist, wäre für Fans wohl das, was religiöse Menschen Gotteslästerung nennen. Wenn es nun aber die einzige Option ist, das Spiel von damals mit den gleichen Levels und Zwischensequenzen in neuer Technik zu rekreieren und lediglich ein paar Mechaniken leicht aufzuwerten, dann sollte das eigentlich ein Zeichen dafür sein, dass dieser Schritt viel zu früh erfolgt.

Ja, natürlich werde ich es auch spielen, aber …

Aber was mache ich mir eigentlich vor? Am Ende werde ich The Last of Us: Part 1 selbstverständlich spielen – gehört ja zu meinem Job. Und ich werde aller Voraussicht nach viel Spaß damit haben. Es ist halt sehr sicher, dass du als Entwickler ein Meisterwerk ablieferst, wenn du nichts anderes machst, als ein Meisterwerk abzupausen. Doch braucht irgendwer das, was dabei herumkommt, wirklich? Ich nicht. Die Fans hingegen, die Sony in den YouTube-Kommentaren signalisieren, dass man mit dieser Remake-Politik alles richtig macht, scheinbar schon.

Na gut, es gibt dann doch eine Gruppe, der ich das Remake gönne: die PC-Spieler. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Sony ankündigt, The Last of Us für Windows-Systeme zu veröffentlichen, wo der Konzern doch seine PC-Pläne derzeit deutlich intensiviert. Dass meine Brüder und Schwestern der "PC Master Race"-Sekte direkt das Remake serviert bekommen, mit dem sie die Leistung ihrer Hardware voll ausnutzen können, ist ein netter Nebeneffekt. Wann genau, ist aber noch unklar. 

Trotzdem werde ich den Gedanken nicht los, dass auch für die PC-Spieler eine Portierung des Remasters ausgereicht hätte. Die würde vermutlich auch nicht den Vollpreis kosten. Da die PS5-Version von The Last of Us: Part 1 für die mittlerweile Sony-typischen 80 Euro über die Ladentheken dieser Welt gehen wird, ist davon auszugehen, dass das Ding auf Steam und im Epic Games Store auch nicht gerade weniger als einen Fuffi kosten wird. "Nun, es ist ja auch ein von Grund auf neu entwickeltes Spiel", würden mir die Verantwortlichen vermutlich entgegnen. Aus technischer Sicht mag das stimmen, aus künstlerischer aber, so wie ich die Lage derzeit einschätze, ganz und gar nicht. In dieser Hinsicht erreichen wir mit The Last of Us: Part 1 voraussichtlich eine neue Dimension und ich hoffe inständig, dass nicht auch andere Hersteller die in Zukunft weiter für sich erforschen werden. Das wäre nämlich ein herber Kreativitätsverlust für die gesamte Branche.

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