Hey, große Publisher, scheut Early Access nicht!

Cyberpunk 2077 und andere Spiele in miesem Release-Zustand wären als Early-Access-Titel viel weniger kontrovers gewesen.

Cyberpunk 2077

2020 ist endlich Cyberpunk 2077 erschienen. Dreimal musste Entwickler CD Projekt RED den Release verschieben, nachdem wir eh schon Jahre auf das Rollenspiel in der futuristischen Metropole Night City warten mussten. Und was bekamen wir am Ende der Wartezeit? Einen weiteren Meilenstein wie The Witcher 3: Wild Hunt? Eines der besten Spiele aller Zeiten? Leider nein. Klar, inhaltlich ist es schon toll, aber der technische Zustand, in dem die Polen Cyberpunk 2077 veröffentlicht haben, ist unentschuldbar gewesen, speziell auf der normalen PS4 und Xbox One.

Am idealsten wäre es gewesen, den Titel nochmal zu verschieben. Nein, ihn gar nicht erst für 2020 anzukündigen. Aber wir können schon nachvollziehen, dass CD Projekt nach vielen Jahren der Entwicklung das Ding endlich mal veröffentlichen musste, um damit Geld einzunehmen. Trotzdem war der Release verfrüht. Tja, wenn es da doch nur eine Möglichkeit gegeben hätte, Cyberpunk 2077 verkaufen zu können, ohne ein offensichtlich unfertiges Produkt offiziell auf den Markt zu bringen? Hach, Moment! Die wäre doch dagewesen! Hey, CD Projekt! Sagt euch Early Access was?

Cyberpunk 2077 - Glitch

Für ein angeblich fertiges Spiel ist Cyberpunk 2077 in ganz schön unfertigem Zustand erschienen.

CD Projekt hätte den Schaden zumindest verringern können

Ok, bevor wir uns hier missverstehen: Natürlich hätte ich es am besten gefunden, wenn Cyberpunk 2077 einfach als fertiges Spiel ohne Millionen Bugs und unglaublich miese Performance auf den Konsolen erschienen wäre – wann auch immer das im Bereich des Möglichen gelegen hätte. Aber gehen wir mal davon aus, dass CD Projekt sich wirklich gezwungen sah, es im vergangenen Jahr auf den Markt zu bringen. Wäre es nicht besser gewesen, es als Early-Access-Spiel zu veröffentlichen? Nur für den PC? Klar, dann hätte der Hersteller zum Start weitaus weniger Umsatz gemacht. Aber er hätte sich einiges an Ärger erspart.

Sicherlich hätte CD Projekt auch so einen Shitstorm nicht vermeiden können. Wenn man irgendwann 2020 gesagt hätte: "Sorry, Leute, aber wir veröffentlichen erst mal nur eine Early-Access-Version für PC und die Konsoleros müssen warten", hätte das ebenfalls zu großer Aufregung geführt. Im Idealfall kündigt man so einen Schritt eben nicht nach Jahren des Wartens an, sondern direkt bei der Enthüllung des Spiels. Aber der Ärger wäre nicht so groß gewesen, wie es nun nach dem Release am 10. Dezember der Fall war. Und gut verkauft hätte sich eine klar als unfertig deklarierte Version von Cyberpunk 2077 auf jeden Fall. Der Hype war zu groß, als dass PC-Spieler sich durch die Bank weg gesagt hätten: "Also ne, da warte ich, bis das Ding fertig ist."

Die Angst vor Early Access

Nun soll es in dieser Kolumne nicht rein um Cyberpunk gehen. Aber es ist nun mal das perfekte Beispiel dafür, dass hin und wieder auch großen AAA-Titeln ein Early-Access-Release nicht geschadet hätte. Erstaunlicherweise scheinen sich die Hersteller von Spielen dieses Kalibers jedoch regelrecht davor zu scheuen. Ubisoft, Electronic Arts, Activision und Co: Noch nie hat irgendwer von ihnen ein Spiel in den Early Access geschickt. Das höchste der Gefühle sind bislang eben zeitlich begrenzte Betatests gewesen, von denen die meisten aber eigentlich nur Marketing-Tools und keine richtigen Testphasen waren. Aber fehlerbehaftete Spiele auf den Markt bringen, das können sie ganz gut. 

Selten haben wir es mit Fällen vom Kaliber eines Cyberpunk 2077 zu tun. Aber schaut man sich etwa Assassin's Creed Valhalla an, das zu Beginn mit vielen Glitches und auch Plotstopper-Bugs um sich schmiss, hinterlässt das nicht gerade den Eindruck, dass AAA-Hersteller ihre Spiele dann veröffentlichen, wenn sie fertig sind, sondern wenn es wirtschaftlich am besten passt. Valhalla sollte eben unbedingt im Weihnachtsgeschäft und zum Start der neuen Konsolengeneration erscheinen, ungeachtet der vorhandenen Bugs.

Nun stelle ich die Frage: Warum hat Ubisoft dem Wikingerabenteuer nicht einfach den Early-Access-Stempel aufgedrückt? Nun, ich kann mir schon vorstellen, warum. Einerseits wollen große Hersteller in ihren Marketing-Kampagnen nicht darauf hinweisen müssen, dass ihre Blockbuster ja noch gar nicht fertig sind. Das könnte sich schließlich negativ auf die Verkaufszahlen auswirken. Gerade Konsolenspieler sind mit dem Early-Access-Modell noch nicht so sehr vertraut und sie bilden in den meisten Fällen die Hauptzielgruppe. Doch ich stelle die These auf: Auch wenn Assassin's Creed Valhalla als Early-Access-Version erschienen wäre, hätte es sich gut verkauft – in kleinerem Ausmaß, aber gefloppt wäre es wohl kaum. Dafür ist die Marke einfach zu groß und ebenso das Verlangen der Fans danach, stets jeden neuen Teil so früh wie möglich zocken zu können.

Das Modell, das nicht zu Großunternehmen passt?

Aber Sorge um die Finanzen dürfte nicht der einzige Grund für die Early-Access-Scheu sein. Sicherlich hat die auch etwas damit zu tun, dass große Publisher ein gewisses Bild erschaffen wollen: das Bild von Spielen, an denen jahrelang gearbeitet wird und die dann nach dieser aufwändigen Entwicklungsphase als vollständige Produkte erscheinen und alle Wünsche der Fans erfüllen. Dass gerade Letzteres längst nicht auf jeden Titel zutrifft, ist klar wie Kloßbrühe. Aber ich spreche hier ja auch von einem Ideal.

Early Access? Das ist was für Indie-Entwickler, die damit ihre Arbeit finanzieren können, noch bevor ihre Werke offiziell auf den Markt kommen. Große Konzerne haben das doch nicht nötig! Na ja, aber hätte eine Early-Access-Strategie im Fall von Cyberpunk 2077 nicht viel Ärger verhindert? Oder was ist mit Ghost Recon: Breakpoint? Das Spiel war zu Beginn ein komplettes Fehlkonzept mit seinem Rollenspiel-artigen Loot-System, das überhaupt nicht zur Thematik und der Identität der Reihe passt. Anderthalb Jahre später lässt es sich wie der Vorgänger Wildlands spielen, diverser Einstellungsmöglichkeiten, die Ubisoft kostenlos nachgereicht hat, sei Dank. Im Grunde war Ghost Recon: Breakpoint ein Early-Access-Spiel, es wurde aber nicht als solches vermarktet.

Early Access dient nicht bloß als Ausrede dafür, dass ein Spiel Bug-verseucht auf den Markt kommt. Zu viele Fehler können auch im Falle eines offiziell noch nicht fertigen Titels für reichlich Unmut bei den Spielern und somit für schlechte Nutzerbewertungen sorgen. Im Idealfall nutzt ein Entwickler das Modell, um während der Entwicklung Feedback von einer großen Masse an Leuten zu Spielmechaniken, Design und Co zu erhalten, um dann gegebenenfalls entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Die Spieler wiederum freuen sich darüber, schon vorab zocken zu können und weniger dafür zu bezahlen, als wenn sie auf den finalen Release gewartet hätten. Letzteres gilt zumindest in den meisten Fällen, es gibt aber auch Ausnahmen wie Baldur's Gate 3, das jetzt schon den Vollpreis kostet.

Early Access hat keinen schlechten Ruf mehr

Baldur's Gate 3 ist ein gutes Stichwort. Das Rollenspiel von Larian Studios zeigt genau wie die vorherigen Projekte des belgischen Entwicklers, wie gut Early Access sowohl für Hersteller als auch Konsument sein kann. Und sie haben dazu beigetragen, dass das Modell heute längst keinen so schlechten Ruf mehr hat wie zu seinen Anfangszeiten. Natürlich gibt es immer noch schwarze Schafe, die absolut minderwertige Produkte unter dem Deckmantel "Ist ja auch noch nicht fertig" veröffentlichen und sich dann quasi mit dem Geld aus dem Staub machen.

Baldur's Gate 3 - Kampf

Die Early-Access-Version von Baldur's Gate 3 enthält zwar nur das erste Kapitel, aber das ist bereits recht umfangreich und laut den Nutzerbewertungen auf Steam richtig gut.

Manche Titel verweilen scheinbar ewig im Early-Access-Status, wobei das nicht automatisch schlecht sein muss. Das Zombie-Survival-Spiel 7 Days to Die etwa ist seit über sieben Jahre in der Alphaphase, aber trotzdem umfangreich und sehr spaßig. Es scheint gar keine Rolle zu spielen, wann der Entwickler irgendwann mal sagt: "So, jetzt ist der Early Access vorbei." Die Fans lieben es, es erhält regelmäßig Updates mit neuen Inhalten und Verbesserungen – alles tipptopp.

Die Anzahl an Positivbeispielen, die den Ruf des Modells enorm verbessert haben, ist mittlerweile ziemlich lang. Man denke neben den Larian-Spielen an Subnautica, The Forest, Factorio oder auch PlayerUnknown's Battlegrounds. Und dann kommt noch hinzu, dass es mittlerweile vollkommen normal ist, dass sich in der Topseller-Liste auf Steam fertige und Early-Access-Titel die Klinke in die Hand drücken. Den wohl größten Hype der vergangenen Wochen hat Valheim ausgelöst, das noch weit von seiner Fertigstellung entfernt ist, sich aber schon mehrere Millionen Mal verkauft hat. Und wir sprechen hier von einem Projekt eines sehr kleinen schwedischen Indie-Teams, das vor seinem Early-Access-Release nicht besonders viel Aufmerksamkeit erhalten hat.

Early Access ist gut, auch für AAA-Titel

Ich weiß, liebe AAA-Hersteller, ihr glaubt, Early Access sei nichts für euch. Vielleicht denkt ihr sogar, das sei unter eurem Niveau. Aber dann schaue ich mir eben an, in welchem Zustand ihr manche Spiele veröffentlicht und denke mir: "Hmmm, also mit 'nem Early-Access-Siegel wäre der Ärger längst nicht so groß gewesen." Gerade bei den ganz großen, überambitionierten Projekten bietet sich dieses Modell sehr gut an. So könnt ihr ab dem Zeitpunkt Geld mit ihnen verdienen, ab dem ihr das für nötig haltet, und die Entwickler können das Feedback der Spieler nutzen, um aus ihren Werken wirklich die Meilensteine zu machen, die wir uns alle erhoffen. 

Für ein Early-Access-Spiel wäre die PC-Version von Cyberpunk 2077, die ab dem 10. Dezember 2020 erhältlich gewesen ist, richtig gut gewesen. Klar, die Spieler hätten trotzdem bemängelt, dass sich Night City mehr wie eine Filmkulisse als eine lebendige Stadt anfühlt, dass das Polizeisystem unfassbar mies ist und viele Bugs den Spaß trüben. Aber viele von ihnen hätten dem in Nutzer-Reviews so was hinzugefügt wie: "Aber hey, es ist ja noch Early Access und CD Projekt wird das alles noch ausbessern. Da bin ich mir sicher. Und der Rest ist jetzt schon ziemlich geil."

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