The Quarry im Test: Twist ballert, zu viel Gelaber, aber die Effekte waren gut

Autor: Michael Sonntag

Dreht euren eigenen Horrorfilm – mit diesem Konzept bescherte Until Dawn vor sieben Jahren wunderschöne Albträume. Nun präsentiert Supermassive Games die heiß erwartete Quasi-Fortsetzung, The Quarry, in der ihr wieder ahnungslose Teenager auf dutzende Arten überleben oder sterben lassen könnt. Wir waren mega-gespannt auf die PS5-Version und wurden umso härter enttäuscht.

Ich rege mich ständig darüber auf, dass sich Personen in Horrorfilmen immer so dumm verhalten. Wenn es heißt, dass sie diese verfluchte Hütte im Wald nicht aufsuchen sollen, tun sie es trotzdem. Wenn ihnen gesagt wird “Bleibt zusammen!”, werden sie sich bei der erstbesten Gelegenheit trennen. Und wenn sie ein merkwürdiges Geräusch hinter sich hören und jemand fragt “War da etwas?”, war es natürlich nichts. Aber das macht Horrorfilme gerade so gut: Während wir alle natürlich viel klüger handeln würden, wollen wir im Horrofilm, dass jemand anders alle Warnungen in den Wind schlägt und sich absolut dumm verhält, um immer tiefer in die Hölle zu stürzen. Aber was wäre gewesen, wenn die Gruppe am Anfang eine Waffe gestohlen hätte? Was wäre passiert, wenn sie sich woanders versteckt hätten? Und hätte es auch eine Möglichkeit gegeben, bei der alle Personen extrem knapp überlebt hätten? Wenn euch solche Fragen reizen, habt ihr das Prinzip von The Quarry verstanden.

Das Quarry-Blairwitch-Twilight-Massaker

Sommerende, Pfadfinderlager Hacketts Quarry. Die letzten Kids sind gerade gefahren und die jungen Betreuer packen nun auch ihre letzten Sachen zusammen. Etwas widerwillig, denn ein paar von ihnen bereuen es sehr, dass sie ihre Chance auf die große Sommerromanze verpasst haben. Denn Jacob steht voll auf Emma, Nick auf Abi und Abi auch auf Nick, während Dylan sich nicht zwischen Kaitlyn und Dylan entscheiden kann. Alle finden sich irgendwie damit ab, aber einer hat die glorreiche Idee, den Wagen zu sabotieren, um noch eine Nacht länger bleiben zu können. Ja, der Campleiter ist etwas nervös, als die Sonne untergeht. Und irgendwie ist es auch komisch, dass er den Betreuern dringend rät, die Nacht über drinnen zu bleiben, und danach einfach abhaut. Sollten wir besorgt sein? Wenn schon zwei Betreuer als vermisst gelten? Nein. Lieber feiern wir die heftigste Party, als gäbe es kein Morgen mehr!

Als Spieler übernehmt ihr abwechselnd die Kontrolle über einen der Jugendlichen. Sammelt Feuerholz, flirtet ein bisschen und untersucht das merkwürdige Büro des Leiters. Die Vorbereitungen für den Abend dienen als Tutorial – hier kann noch niemand sterben! So lernt ihr, dass ihr in The Quarry entweder ein Areal erkunden, reden, ein Quick-Time-Event ausführen oder eine wichtige Entscheidung fällen müsst. Der Anfang zieht sich etwas, aber nach einem “Wahrheit oder Pflicht”-Spiel, das viel zu viele Missverständnisse verursacht hat, bricht die Gruppe auseinander und der Horror kann endlich beginnen! Woher stammen die Monster, die überall auftauchen? Wer sind die blutbespritzten Jäger, die ebenfalls umherziehen? Wenn ihr fleißig Tarotkarten sammelt, kann euch die Hexe am Ende jedes Kapitels zwar keine Antworten darauf geben, aber zumindest eine mögliche Zukunft zeigen, auf die ihr dann reagieren könnt.

The Quarry

GZSZ-Herzschmerz, Fremdschäm-Sprüche, naives Verhalten: Entscheidet selbst, welche Jugendlichen ihr in The Quarry retten wollt. Manch einer ist vielleicht doch komplexer als ihr denkt.

Zu viele Bremsen, zu wenig Möglichkeiten

The Quarry ist ein merkwürdiges Horrorspektakel, das für einen Film zu viele bremsende Gameplay-Szenen besitzt und gleichzeitig für ein Spiel zu wenig Entscheidungsmöglichkeiten bereithält. So richtig Fahrt will auch erst ab dem siebten von zehn Kapiteln aufkommen, wenn wir die Wahrheit hinter all dem erfahren und sich alle auf ein absolut blutiges Finale vorbereiten. Das ist allerdings Geschmackssache. Manch einer wird bereits das Anbahnen und manche Verfolgungsjagd gruselig genug finden, manch anderer wird aber dieses Geplänkel bereits zu Genüge aus anderen Horrorfilmen kennen und sich viel mehr auf die Eskalation freuen. Schade, dass Supermassive Games nicht alle Horrorfans abholen kann. Er bietet hier auch keinen neuen Horror, aber zumindest eine interessante Zusammensetzung aus verschiedenen bekannten Plots und Twists.

Es gibt definitiv bessere Horrorfilme mit schnellerem Pacing und Horrorspiele mit mehr spielerischen Möglichkeiten als The Quarry, was uns zur Frage bringt, welchen besonderen Reiz diese Mischform aus Film und Spiel dennoch bietet. Nämlich diese: Ihr entscheidet, wie der Film abläuft. Solltet ihr dem merkwürdigen Polizisten vertrauen? Solltet ihr auf den Busch schießen, in dem sich irgendetwas versteckt? Und solltet ihr eure Leute anschreien oder sie nett um alles bitten? Alle Entscheidungen führen immer zu anderen Spielverläufen, mit teils gravierenden Unterschieden. Und manche Entscheidung wird euch zum minutenlangen Nachdenken bringen. Eine andere erwartet von euch, dass ihr instinktiv handelt.

The Quarry

Rennen oder verstecken, angreifen oder totstellen: Jede Entscheidung in The Quarry könnte eure letzte sein.

Jeder Film dauert etwa zehn Stunden und danach heißt es, nochmal spielen, anders entscheiden und schauen, was passiert. Einen Horrorfilm zu drehen, bei dem alle Personen überleben, ist ja eigentlich prinzipiell langweilig – aber tatsächlich gar nicht so einfach. Es fühlt sich unglaublich an, genügend Konsequenzen richtig eingeschätzt zu haben und alle Leute heil nach Hause zu bringen. Oder ein absolutes Massaker anzurichten. Die Frage ist nur, ob ihr Lust habt, euch viele Szenen doppelt und dreifach anzuschauen, auf die Gefahr hin, dass ihr vielleicht nicht viel an eurem Film ändern könnt. Wir hätten hier gerne mehr Herausforderungen und Möglichkeiten, Komfort-Features und Steuerungsmöglichkeiten bekommen, um den Film noch spannender gestalten zu können.

Entwickler Supermassive Games brüstet sich zwar mit 186 möglichen Enden, aber nur vier davon haben eine eigene Trophäe bekommen. The Quarry schauen ist eine Sache, das Spiel bietet euch sogar an, komplett auf die Eingaben zu verzichten und drei verschiedene Versionen (Alle leben, Alle sterben, Blutbad) vorzuführen. Das Spiel zu spielen, erfordert etwas träges Herumlaufen und Erkunden, die Entscheidungen fällt ihr wie in einem Bluray-Menü – und ab und zu erwartet das Spiel von euch, ein extrem leichtes Quick-Time-Event zu überleben. Das wird manchem Spieler etwas zu unterfordernd vorkommen und auch berechtigterweise fragen lassen, warum das System von Until Dawn nicht weiterentwickelt wurde.

Fazit

Until Dawn war im Jahr 2015 der Horror-Hit. Sieben Jahre später wirkt The Quarry in seinem harmloseren Setting und demselben System fast wie ein Rückschritt. Wenn dann auch noch teils verzerrte Gesichtsanimationen und teils merkwürdige Performance dazukommt, bekommt Trash-Movie eine völlige neue Bedeutung. Wer allerdings keine Weiterentwicklung erwartet hat, soll sich gerne in den Horror stürzen und ihn immer wieder erleben. Wir dagegen warten auf die nächste Horror-Hoffnung.

The Quarry
Pro
Dreht euren eigenen Horrorfilm mit 186 Enden!
Schön trashiger B-Movie-Horror-Plot mit überraschenden Twists
Camp-Setting sorgt für ordentlich Albtraum-Stimmung
Viele Entscheidungen zu fällen und viele Charaktere zu steuern
Koop-Modus
Filmmodus für entspannte Fernsehabende
Contra
Wiederspielwert aufgrund vieler Wiederholungen gefährdet
Story legt erst bei Kapitel 7 wirklich los
Erkundungspassagen spielen sich zäh
Quick-Time-Events laufen auf Kindergarten-Niveau ab
Manche Entscheidungen wirken sinnlos
Kommt nicht an Until Dawn heran

3/5 Sterne

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