Humankind im Test: Gefahr für den Platzhirsch Civilization?

Autorin: Mia Uebach

Es passiert nicht oft, dass das 4X-Genre Zuwachs bekommt. Handelt es sich dann auch noch um ein Spiel, in dem die gesamte Geschichte der Menschheit durchlaufen wird, werden natürlich sofort Vergleiche zur Civilization-Reihe gezogen. Kann Humankind ähnlich überzeugen? Wir haben es für euch getestet.

Humankind

Am Anfang war der Stamm

Zu Beginn einer Partie wählt ihr kein Volk oder eine Zivilisation, sondern beginnt mit einem Stamm, der weder einen Namen noch eine Stadt sein Eigen nennt. Erst, wenn ihr genügend Nahrung gesammelt und so euren Stamm vergrößert, genügend Tiere gejagt oder Wissenschaftspunkte gesammelt habt, erhaltet ihr die Möglichkeit, eine Kultur auszuwählen.

Humankind - Stamm

Zu Beginn des Spiels habt ihr lediglich einen kleinen Stamm. Es ist eure Aufgabe, aus ihm eine blühende Zivilisation zu machen.

Dabei solltet ihr euch immer die Frage stellen, ob ihr noch weitere "Zeitalter-Sterne" sammeln wollt oder ob ihr euch beeilt und euch bei der ersten Gelegenheit eine Kultur aussucht. Beides hat Vor- und Nachteile. Wollt ihr weiter als Stamm herumlaufen, so habt ihr die Möglichkeit, mehr "Zeitalter-Sterne" zu verdienen. Damit erhaltet ihr auch früher mehr Ruhm, den ihr zum Gewinnen der Partie benötigt (dazu später mehr).Wählt ihr dagegen so schnell wie möglich eure Kultur, habt ihr genau das: eine Wahl. Je länger ihr braucht, um eure Kultur zu wählen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eure Kontrahenten bereits "die Besten" für sich genommen haben. In unserem Test waren das sehr häufig die kriegerischen Völker, zum Beispiel die Hethiter oder Mykener. Habt ihr die als Nachbarn in Humankind, stellt euch lieber auf Krawall ein.

Generell war es bei uns so, dass zu 90 Prozent die immer gleichen Völker von der KI gewählt wurden. Auf niedrigeren Schwierigkeitsgraden stellt das in der Regel kein Problem dar, da man häufig als erstes eine neue Epoche erreicht, aber mit schwereren KI-Mitstreitern, die mitunter einige saftige Vorteile genießen, werdet ihr den Kampf um eure Lieblingskultur sehr wahrscheinlich verlieren.

Humankind - Screenshot - Zeitalter-Sterne

Pro Ära können wir jeden Stern bis zu drei Mal verdienen.

Kämpfen mit Hindernissen

Stichwort Kampf: In Humankind erwartet euch ein erfrischendes Kampfsystem, welches (zum aktuellen Zeitpunkt) allerdings noch mit einigen Fehlern zu kämpfen hat. Doch zuerst einmal die positiven Aspekte: Anders als beispielsweise in Civilization, habt ihr in Humankind richtige Schlachten. Sobald ein Kampf stattfindet, habt ihr die Möglichkeit, ihn automatisch entscheiden zu lassen, manuell zu kämpfen oder euch zurückzuziehen. Das automatische Kämpfen solltet ihr jedoch nur in den seltensten Fällen nutzen, doch dazu gleich mehr.

Bevor der eigentliche Kampf beginnt, seht ihr als erstes das gesamte Schlachtfeld, das in eure und die gegnerische Seite unterteilt ist. Auf eurer Seite müsst ihr dann eure Einheiten aufstellen, und zwar möglichst so, dass sie das Gelände zu ihrem Vorteil nutzen, denn verschiedene Geländearten bieten verschiedene Vor- und Nachteile. Stehen eure Einheiten auf erhöhtem Terrain und greifen Feinde an, die sich in einem Tal befinden, erhalten sie mehr Kampfstärke. In Wäldern können sich eure Einheiten zwar nicht so schnell bewegen, sind aber besser vor feindlichen Fernkämpfern geschützt. Platziert ihr eure Einheiten wiederum in einem Flussbett, bekommen sie einen großen Malus auf ihre Kampfstärke. Daher solltet ihr immer versuchen, euren Gegner auf einen Fluss laufen zu lassen.

Humankind - Screenshot - Surrender Terms

Wir haben die Perser bezwungen, nun ist es an der Zeit, dass unsere Forderungen erfüllt werden.

Wo dieses Kampfsystem seine Schwächen hat, zeigt sich vor allem bei großen Schlachten. Nicht nur, dass in unseren Testrunden manchmal Feinde als Unterstützung dazu kamen, die vor dem Kampf nicht als solche aufgelistet waren, vor allem sind große Gefechte total unübersichtlich. Wenn ihr später drei Armeen mit jeweils acht Einheiten gegen einen zahlenmäßig in etwa gleich großen Feind kämpfen lasst, ist es keine Seltenheit, dass ihr erst einmal einige Minuten damit verbringt, alle Einheiten aufzustellen und zu schauen, wo welches Gelände ist.

Der wohl größte Kritikpunkt an den Kämpfen in Humankind ist aber der Zufall. Einheiten haben zwar einen festen Schadenswert, allerdings gibt es einen minimalen und einen maximalen Schaden, den ihr dem Gegner zufügt. Wenn ein Feind noch 13 Lebenspunkte hat, eure Einheit aber zwischen 11 und 14 Schaden verursacht, kommt es auf den Zufall an, ob sie siegreich ist oder ob der Widersacher noch einmal zum Gegenschlag ausholen kann. Wie der tatsächliche Schaden berechnet wird, ist nämlich nicht ersichtlich. Daher solltet ihr das automatische Kämpfen nur dann nutzen, wenn ihr eurem Gegner haushoch überlegen seid. Andernfalls ist es uns schon passiert, dass wir Kämpfe, in denen das Stärkeverhältnis 70 zu 30 zu unseren Gunsten lag, trotzdem verloren haben.

Eine Stadt, viel Politik

Unterschiede zu Civilization gibt es außerdem sowohl beim Städtebau als auch in Sachen Politik. Abgesehen davon, dass ihr zu Beginn einer Partie lediglich Außenposten und keine Städte gründen könnt, wird es sehr schnell sehr teuer, weitere Siedlungen zu errichten. Je mehr Städte ihr nämlich besitzt, desto mehr Einfluss kostet euch eine weitere. Einfluss ist eine rare Ressource, die ihr dringend auch für andere Dinge wie Politik oder Weltwunder benötigt. Ihr könnt nämlich nur dann ein Weltwunder für euer Volk beanspruchen, wenn ihr genügend Einfluss angesammelt habt. Und die Chance auf ein weiteres erhaltet ihr erst, wenn das vorige fertiggestellt wurde.

Abgesehen davon gibt es in Humankind auch eine Begrenzung dafür, wie viele Städte ihr verwalten könnt. Ihr erhaltet nur einen kleinen Einfluss-Malus, wenn ihr ein oder zwei Siedlungen über dem Limit liegt. Bei fünf Städten wird es nahezu unbezahlbar.

Doch was tut ihr, wenn das Gründen neuer Ortschaften schnell zu teuer wird? Ihr schließt einfach eure Außenposten an Städte an. So könnt ihr mit wenigen Siedlungen, teilweise auch mit nur einer einzigen, ein riesiges Gebiet bearbeiten. Es ist keine Seltenheit, in Humankind mit einer einzigen Stadt einen ganzen Kontinent zu verwalten. Das Prinzip bleibt das gleiche, allerdings sieht so eine riesige Metropole viel beeindruckender aus.

Humankind - Screenshot Civics

Durch verschiedene Errungenschaften erhaltet ihr die Wahl, neue Politiken einzuführen. Diese bestimmen dann die Ausrichtung eures Reiches.

In Sachen Politik müsst ihr euch nicht wie in Civilization für eine Regierungsform entscheiden, sondern lenkt durch Events und Sozialpolitiken die Ausrichtung eures Reiches in die von euch bevorzugte Richtung. Je nachdem, wie stark euer Reich in eine ideologische Richtung geht, bekommt ihr unterschiedliche Vorteile. Setzt ihr beispielsweise viel auf Fortschritt, so erhaltet ihr mehr Wissenschaft, wohingegen Tradition Boni für eure Religion bringt.

Auch durch Entscheidungen bei Zufalls-Events könnt ihr eure Ausrichtung bestimmen, manchmal habt ihr allerdings nicht die nötigen Mittel, eine Entscheidung durchzusetzen. Es kommen auch Ereignisse, die euch in jedem Fall einen Nachteil einbringen. Das macht die ersten Runden lang noch Spaß, allerdings wiederholen sich die Events schnell, wenn ihr ein paar Partien gespielt habt.

Grundsätzlich jedoch ist das Politiksystem sehr angenehm, da ihr nicht eine Regierungsform auswählen müsst, sondern selber immer wieder bestimmen könnt, in welche Richtung sich euer Reich entwickeln soll.

Für Ruhm!

Ihr könnt eine Partie auf mehrere Arten gewinnen:

  • indem ihr den meisten Ruhm ansammelt,
  • zum Mars fliegt,
  • alle Gegner besiegt oder unterjocht
  • oder die Erde in ein unbewohnbares Brachland verwandelt.

In unseren Testrunden lief es meistens darauf hinaus, dass wir den "Standardsieg", also genügend Ruhmpunkte, erzielt haben. Am Ende unserer Runden waren wir noch gut ein Dutzend Technologien davon entfernt, zum Mars zu fliegen. Wer sich also nicht auf Forschung spezialisiert oder besonders kriegerisch ist, wird in Humankind in der Regel auch eher einen Ruhmsieg erzielen.

Wie wir allerdings die Welt unbewohnbar hinterlassen sollen, ist uns noch nicht bekannt. Wir haben zwar durch einige Gebäude und Bezirke bereits die Umwelt verschmutzt, genauso wie unsere Mitstreiter, allerdings hat sich das in unseren Testrunden nicht wirklich bemerkbar gemacht. Bis auf ein wenig Smog in unseren Städten haben wir noch keinerlei Auswirkungen festgestellt, aber laut spieleigener Enzyklopädie soll eine zu hohe Umweltverschmutzung die Stabilität und Produktivität unserer Städte belasten und sie (irgendwann) komplett unbrauchbar machen. Wie lange das allerdings dauert, haben wir nicht feststellen können, da wir außer eine Anzeige, wer die Umwelt wie stark belastet, keine weitere Übersicht gefunden haben.

Neuladen als Lösung

Leider ist das Spiel zum aktuellen Zeitpunkt noch von einigen Fehlern geplagt. So kommt es vor, dass Einheiten in Kämpfen einfach nichts machen. Wir haben ihnen Befehle gegeben, in der Einheitenübersicht wurde auch angezeigt, dass sie einen bekommen haben, trotzdem ist nichts passiert. Da wir die Runde aber nicht beenden konnten, ohne das alle Einheiten etwas gemacht haben, blieb uns als einzige Lösung nur, die Runde neu zu laden. Einmal ist es auch vorgekommen, dass alle unsere Einheiten ihre Befehle ausgeführt hatten, die Runde aber trotzdem nicht weiter ging. Auch hier half nur der Griff zum alten Spielstand.

Humankind - Screenshot - Bug

All unsere Einheiten haben einen Befehl erhalten, aber nicht alle führen ihn aus. Der Kampf geht nicht weiter, es hilft nur, die Runde neu zu laden.

Problematisch wird es zum Beispiel auch am Ende eines Krieges mit unseren Konkurrenten. Haben wir nämlich durch Siege und die Einnahme von Städten den gegnerischen Kriegswert auf 0 gebracht, können wir den Feind zur Aufgabe zwingen. Eigentlich sollte es auch möglich sein, trotz dessen weiter zu kämpfen, allerdings war diese Option bei uns immer ausgegraut. Wir wissen allerdings nicht, ob das ein Fehler ist oder ob wir eine andere ideologische Ausrichtung gebraucht hätten, um einen bereits am Boden liegenden Feind weiter zu beharken.

Wollt ihr euren Gegner aber nun zur Aufgabe zwingen und habt die falschen Provinzen ausgewählt, die euch der Gegner bei der Kapitulation überlassen muss, könnt ihr das nicht im Spiel rückgängig machen. Kein Problem, die alte Strategie mit dem Neuladen hilft! Dachten wir zumindest, denn nachdem wir den Zug wiederholt haben und unsere Forderungen stellen wollten, hatten wir plötzlich weniger Punkte zur Verfügung und konnten dementsprechend auch weniger Forderungen an unsere Feinde stellen. Woran das lag, ist nicht ersichtlich geworden, allerdings haben die Entwickler in den Foren schon darauf geantwortet, dass sie selber nicht genau wissen, wie diese Situation zustande kommt.

Es muss allerdings dazu gesagt werden, dass für ein solch großes und komplexes Spiel die Häufigkeit von wirklich schweren Fehlern sehr gering ist, und die Entwickler auch schon einen Patch veröffentlicht haben, in dem sie bereits einige Fehler behoben haben. Und wer den Xbox Game Pass besitzt, braucht nicht mal etwas extra zu bezahlen, um Humankind auszuprobieren.

Fazit

Im Test spielt sich Humankind sehr gut, macht einiges erfrischend anders, kann das 4X-Rad als solches aber auch nicht neu erfinden. Es sollte laut den Machern "einfach" ein gutes Spiel werden und das ist, trotz einiger Bugs, definitiv gelungen. Um aber auf die eingangs gestellte Frage, ob Humankind Civilization vom Thron werfen kann, zurückzukommen: Kann es nicht, muss es aber auch nicht. Zum Release vor fast fünf Jahren wirkte Civilization 6 stellenweise etwas unfertig und ist erst nach mehreren großen Erweiterungen zu dem Spiel geworden, mit dem sich Humankind jetzt messen muss.

Auch wenn Humankind im direkten Vergleich einfacher erscheint, ist dies doch auch ein Vorteil: Habt ihr es nie so wirklich geschafft, euch in Civilization einzufinden, könnte Humankind genau das Richtige für euch sein, da es definitiv zugänglicher ist. Egal, ob ihr als langjähriger Fan des Genres Abwechslung sucht oder ihr neu einsteigt, ihr solltet auf jeden Fall genügend Zeit mitbringen, denn auch in Humankind gilt: "Schon 3 Uhr morgens? Na gut, nur noch eine Runde."

Humankind
Pro
Hohe Zugänglichkeit
Interessantes Kulturensystem
Schöne Optik
Guter Soundtrack
Contra
Unausgereifte Balance
Große Schlachten unübersichtlich
Diplomatiesystem zu seicht
Einige Bugs
Humankind

4/5 Sterne

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