Die Kritik der Fans spricht für Naughty Dog

Manche Kritik an The Last of Us: Part 2 ist respektlos, zeigt aber, dass Naughty Dog vieles richtig gemacht hat.

The Last of Us: Part 2

ACHTUNG: Wer The Last of Us: Part 2 noch nicht durchgespielt hat und das noch erledigen möchte, sollte diesen Artikel nicht vorher lesen. Denn hier wird heftig gespoilert!

The Last of Us: Part 2 war zwischenzeitlich das bestbewertete PS4-Exklusivspiel auf Metacritic mit einem Metascore von 96. Mittlerweile steht es bei 94 und musste daher jenen Titel wieder an Persona 5 Royal und tatsächlich The Last of Us Remastered abgeben, während es mit God of War gleichauf liegt. Alle vier Spiele wurden von den meisten professionellen Kritikern bejubelt, bei der Durchschnittswertung der Nutzer zeigt sich jedoch eine starke Differenz. God of War hat eine 9.1, das Remaster des ersten The Last of Us genauso und die erweiterte Version von Persona 5 immerhin eine 8.1.

Und The Last of Us: Part 2? Das steht derzeit bei einer 5.1, hat somit seit dem Release sogar einen großen Sprung nach oben gemacht. Als das Actionspiel am 19. Juni erschien, vergaben so viele Metacritic-Nutzer negative Wertungen, dass der User Score im niedrigen 3er-Bereich lag. Eine Katastrophe für Sony und Entwickler Naughty Dog, oder? Nun, ehrlich gesagt nicht wirklich, zumindest wäre das viel zu hart formuliert. Angesichts dessen, dass eben die Reviews der Presse weitgehend positiv ausgefallen sind – was auch für unseren Test gilt, in dem wir The Last of Us: Part 2 als unbequemes Kunstwerk (im positiven Sinne) bezeichnen – und der Titel starke Verkaufszahlen vorzuweisen hat, können beide Unternehmen ziemlich zufrieden sein.

User-Wertungen, die niemand braucht

Trotzdem dürfte man sich nicht darüber gefreut haben, dass das eigene Werk am Release-Tag Review Bombing aus der Hölle erfahren hat. Dass vermutlich niemand derjenigen, die The Last of Us: Part 2 am 19. Juni eine 0/10 verpasst haben, das Spiel zu dem Zeitpunkt durchgespielt hat, dürfte klar sein. Immerhin braucht man mindestens 21 bis 22 Stunden, um es durchzuspielen, sofern man nicht unbedingt jeden optionalen Bereich erkunden möchte. Viele der negativen Reviews sind sicherlich eine Folge des gewaltigen Leaks, durch den viele Story-Informationen zum Spiel vorab im Netz gelandet sind, die aber auch nicht allesamt korrekt waren. Da wurde Abby, die zweite Hauptfigur von The Last of Us: Part 2, als transsexuell bezeichnet, was sie aber gar nicht ist.

Apropos Transsexualität: Das The Last of Us: Part 2 Themen dieses Thema und auch lesbische Liebe behandelt, ist ebenfalls einigen Nutzern auf Metacritic ein Dorn im Auge. Sie sind glücklicherweise nicht in der Überzahl, aber würden deren Wertungen nicht mitgerechnet werden, wäre der Durchschnittswert mit Sicherheit ein bisschen höher. Selbst dann bleiben aber immer noch sehr viele Spieler, die The Last of Us: Part 2 scheinbar wirklich gespielt haben, es aber nicht mögen und das auf Metacritic zum Ausdruck bringen.

The Last of Us: Part 2 - Ellie sieht rot

Genau wie Ellie im Spiel sehen auch manche Fans rot.

Ich will an dieser Stelle gar nicht so sehr darauf eingehen, für wie sinnlos ich Bewertungen halte, in denen zwar Grafik und Gameplay als toll bezeichnet werden, die aber aufgrund der ach so miesen Geschichte trotzdem sehr negativ ausfallen, als ob die beiden anderen Komponenten gar keine Relevanz hätten. The Last of Us: Part 2 ist der beste Beweis dafür, wie nutzlos die User Scores auf Metacritic für Leute sind, die wissen wollen, ob ein Spiel etwas taugt oder nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

"Buhu, das ist nicht die Geschichte, die wir wollten!"

Was mir viel wichtiger ist: das, was die Leute an der Geschichte kritisieren. Denn hier offenbaren sich für mich zwei Dinge. Einerseits, dass es einfach Menschen gibt, die den Sinn von Kunst nicht ganz verstanden haben und keinen Respekt vor dem Künstler haben. Der beste Beweis dafür ist eine Petition auf Change.org, die bereits fast 50.000 Leute unterzeichnet haben – und in dem Moment, in dem ich das hier tippe, werden es bereits mehr und mehr. 

Der Ersteller fordert von Naughty Dog, die Geschichte von The Last of Us: Part 2 neuzuschreiben. Da heißt es, dass das Spiel zwar "exzellentes Gameplay, großartige Grafik und Mechaniken sowie phänomenales Gunplay" biete, (dem stimme ich voll und ganz zu), die Story aber ein "absolutes Desaster" sei: "Sie töteten unseren Lieblingscharakter und zwangen uns, den Charakter zu benutzen, der Joel getötet hat, und wir sollten mit Abby die Hälfte des Spiels über connecten und der Hauptcharakter ist nicht mal mehr Ellie. […] Das war eine massive Respektlosigkeit gegenüber jedem Fan der 'The Last of Us'-Franchise, der ganze sieben Jahre auf die Fortsetzung warten musste."

Über den letzten Satz muss ich schon ein wenig schmunzeln, denn die einzige Respektlosigkeit in diesem Zusammenhang ist die Petition selbst. Ein Künstler erschafft per se nicht die Kunst, die die Rezipienten sehen wollen. Er kreiert das, was er kreieren möchte, um das auszusagen, was er aussagen möchte. Mir ist schon bewusst, dass das gerade in der Videospielbranche nicht immer gilt angesichts vieler AAA-Produktionen, die komplett dem Massengeschmack angepasst werden, damit sich ja niemand aufregt. Auf The Last of Us: Part 2 trifft das nicht zu. 

Ein mutiges Spiel

Naughty Dog hat sich etwas getraut, indem man Joel auf brutale Art und Weise innerhalb der ersten zwei Stunden des Spiels von Abby umbringen lässt und uns dazu zwingt, später exakt diese Person Stunde um Stunde zu spielen – wohlgemerkt, nachdem wir mit Ellie in der ersten Hälfte der Kampagne damit beschäftigt waren, sie aufzuspüren, um den Joels Tod zu rächen. Und dann sollen wir auch noch mit Abby sympathisieren. Wir sollen sie nicht als Antagonistin, sondern Menschen mit Gefühlen wahrnehmen. Als jemanden, der das Herz eigentlich am rechten Fleck hat und genau wie Ellie aus Rache dazu getrieben wurde, Joel mit einem Golfschläger den Schädel zu zertrümmern.

The Last of Us: Part 2 - Joel

Für Joel gibt es in The Last of Us: Part 2 nicht viel zu lachen.

Rein spielerisch ist The Last of Us: Part 2 ein Massenmarktspiel, mit seiner Story und Erzählstruktur spaltet es jedoch die Gemüter. Game Director und Lead Writer Neil Druckmann wollte ein Spiel machen, das nicht nur aufzeigt, wie schlecht das Verlangen nach Rache ist und das Gewalt immer Gegengewalt hervorruft, sondern das sich auch um Empathie dreht und aufzeigt, dass nicht immer alles schwarz und weiß ist. Ja, The Last of Us: Part 2 ist keine perfekte Erzählung. Es ist weder sonderlich subtil noch gänzlich frei von Plotholes. Aber das macht die Story noch lange nicht zu einem "Desaster".

Ich finde The Last of Us: Part 2 erzählerisch sogar trotz mancher Schwächen genial, weil es mit mir selbst spielt. Erst schockiert es mich mit dem Tod von Joel, bringt mich wahrlich zum Weinen, schürt zeitgleich meinen Hass auf Abby und meinen Wunsch, sie in Person von Ellie umzubringen. Später schlüpfe ich in ihre Haut und stelle fest, dass sie nicht einfach bloß der Bösewicht des Spiels, sondern Ellie sogar ziemlich ähnlich ist. Ich fange an, mit ihr zu sympathisieren, ihre Beweggründe zu verstehen. Am Ende kämpfe ich erst als Abby gegen Ellie und denke mir: "Ich will das nicht! Ich will Ellie nicht töten!" Und dann ganz zum Schluss tritt exakt der umgekehrte Fall ein, wenn ich als Ellie eine Abby bekämpfe, die körperlich am Ende ist, und die ganze Zeit nur darauf hoffe, dass die beiden doch noch lebend auseinandergehen.

The Last of Us: Part 2 spielt mit meinen Gefühlen und das auf manipulative, aber dennoch großartige Weise. Mir hat das ungemein gut gefallen, andere können es ganz und gar nicht leiden. Manche von ihnen sagen einfach: "Mir gefällt es nicht, aber es freut mich für jeden, dem es anders geht". Und andere starten eben eine Petition und verlangen, dass Naughty Dog alles ändert.

Bravo, Naughty Dog!

So respektlos das auch ist: Irgendwie ist es ein Beweis dafür, dass die Entwickler alles richtig gemacht haben. Wäre Joel kein guter Protagonist des ersten Teils gewesen, wäre sein Tod in Teil 2 niemandem zu Herzen gegangen und würde dementsprechend auch niemanden aufregen. Niemand würde sich so sehr daran stören, Abby spielen zu müssen. Ich würde das Spiel vermutlich nur als opulent inszenierten Blockbuster begreifen, aber nicht als etwas, das mich emotional berührt, ja sogar fertiggemacht hat.

Viele andere Studios wären froh, wenn über deren Spiele so diskutiert werden würde wie über The Last of Us: Part 2. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ähnliches mal im Zusammenhang mit einem Assassin's Creed oder Call of Duty passieren wird. Ja, vielleicht wird der eine oder andere Hersteller versuchen, das nachzumachen, was Naughty Dog hier geleistet hat. Aber mehr als eben eine halbherzige Nachmache, die niemand gebraucht hat, wird dabei vermutlich nicht herumkommen.

The Last of Us: Part 2 - Abby

So viele hassen Abby. Das ist auch nicht verwunderlich und bis zu einem gewissen Punkt auch so von Naughty Dog beabsichtigt.

Letztendlich hätten sich Naughty Dog und Sony sicherlich mehr darüber gefreut, wenn The Last of Us: Part 2 einen ähnlich hohen User Score erreicht hätte wie God of War. Aber ich glaube, dass das mit dieser Geschichte, die das Spiel erzählt, schlicht nicht im Bereich des Möglichen lag – und es würde mich wundern, wenn Neil Druckmann und sein Team das nicht einkalkuliert hätten. Insofern muss ich auch Sony dafür loben, das Entwicklerteam einfach sein Ding hat machen lassen. Und dass Naughty Dog es durchgezogen hat. The Last of Us: Part 2 ist ein Spiel, das auf keinen Fall in Vergessenheit geraten wird. Und zumindest darüber sollten sich alle Spieler, ob sie es mögen oder nicht, einig sein.

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