SONIC FORCES: GEBT ENDLICH DEN FANS DAS KOMMANDO!

Autor: Björn Rohwer

Timing ist alles – gerade in einem Jump ’n’ Run! Ob es für SEGA das beste Timing war, gleich zwei Sonic-Spiele in einem Jahr herauszubringen?

Immerhin kann Sonic Forces sich so in den Windschatten des sehr starken Sonic Mania hängen. Und das konkrete Timing des Veröffentlichungsdatums? Es zeugt von viel Selbstbewusstsein, dass Team Sonic ihr Spiel schlappe elf Tage nach Super Mario Odyssey auf den Markt bringen. Die direkte Konkurrenz mit dem alten Rivalen wird nicht gescheut. Ob das so eine gute Idee war?

Trailer:

Weltuntergang als Pappkulisse

Tails gibt einen verzweifelten Schrei von sich, bevor Sonic in den Staub knallt. Schon die ersten Minuten von Sonic Forces durchbrechen das alte Sonic-jagt-Eggman-Muster leicht, indem plötzlich ein neuer, schnellerer Gegner auf den Plan tritt. Infinite heißt der brandgefährliche Widersacher mit Maske, der den blauen Igel tatsächlich besiegt und so Eggmans Armeen den Weg frei macht! Alleine an Sonics Freunden bleibt es zunächst hängen, als kleine Widerstandsgruppe das Ende der Welt zu verhindern. Auf den ersten Blick scheint die Story von Sonic Forces deutlich tiefer zu gehen als jedes Mario-Jump-’n’-Run und die meisten Sonic-Spiele der letzten Jahre. Je tiefer ihr eintaucht, desto mehr wirkt die Geschichte aber nur wie eine schöne, aber sehr flache Pappkulisse.

Der „Lost“-Trick

Bevor ich im September das Sonic-Forces-Entwicklerteam in Japan besuchte, habe ich mehrere Stunden lang das Reddit-Forum zu Sonic the Hedgehog gewälzt. Seitenweise standen dort bereits Theorien, die das Auftauchen von Infinite, die Beziehung zwischen dem neuen Bösewicht und unserem Avatar, den Seitenwechsel von Shadow, Metal Sonic und Co. und jedes angedeutete Detail der Trailer erklärten. Nach all diesen cleveren Mutmaßungen ließ mich Sonic Forces nun immer wieder enttäuscht zurück. Entweder wurden Wendungen und Lösungen gar nicht erklärt oder es wurde die plumpste Möglichkeit gewählt.

Ein Beispiel gefällig? Shadow und Co haben sich gar nicht Eggmans Truppen angeschlossen, sondern Team Sonic hat sich des „Lost“-Tricks bedient. Mit dem Phantom Rubin lassen sich ganz einfallslos digitale, stärkere Klone aller Charaktere erstellen. Wieso kopiert Infinite dann nicht einfach Sonic? Keine Ahnung. Auch wenn ich den Versuch, ein Jump ’n’ Run mit tiefergehender Story herauszubringen, erst positiv aufgenommen habe – sobald der Entwickler diesen Pfad wählt, muss er sich auch Fragen zur Logik gefallen lassen.

Fanfiction wird offiziell

Neben dem neuen Widersacher steht auch ein neuer Verbündeter im Mittelpunkt von Sonic Forces – euer Avatar. Nachdem die Fans schon seit Jahren innoffiziell Fan-Fiction-Charaktere gestalteten, will Sega diesen Figuren nun einen Platz im Sonic-Universum geben. Im Editor dürft ihr aus sieben verschiedenen Tieren (Bären, Igel, Hasen, Wölfe, Hunde, Katzen und Vögel) wählen und diese dann nach euren Vorstellungen färben und kleiden. Euer gewöhnlicher Dorfbewohner kämpft dank der sogenannten Wispons auf Augenhöhe mit den größten Helden der Welt. Je nach Wispon kann er dann mit einem Bohrer quer durch Gegnermassen jagen, entlang von Münzketten durch die Luft fliegen oder die Gegner in Blöcke verwandeln. Habt ihr das Prinzip einer dieser Waffen erst einmal verstanden, stehen euch kreative neue Kampf- und Fortbewegungsmöglichkeiten zur Verfügung – allesamt absolut passend zum rasanten Sonic-Gameplay. Leider dauert es manchmal etwas länger, bis ihr die hakelige Steuerung eines Wispons wirklich beherrscht.

Kurze Story? Hold my beer!

Bei meinem Besuch kündigten die Entwickler bereits an, dass man manche Wispons erst nach einiger Trainingszeit wirklich meistern wird. Aber wieso sollte ich immer wieder zurückkommen und dieselben Level nochmals spielen? Weil für das Aufleveln der unterschiedlichen Tier-Avatare Achievements winken? Da gehe ich lieber wieder Brieftauben jagen in Assassin’s Creed. Darüber, dass wir Super Mario Odyssey noch bescheinigten, eine „etwas kurze Story“ zu haben, lächelt Sonic Forces nur müde. Gerade einmal drei Stunden braucht ihr, um jeden Abschnitt abzuschließen – selbst die Bonus-Level. Es sind zwar drei wirklich abwechslungsreiche Stunden, wer aber nicht unbedingt auf Speedruns aus ist, wird nach dem Abspann kaum mehr einen Anreiz haben, zurückzukommen.

Meinung:

Eine große Lehre scheint in Großbuchstaben über Sonic Forces zu schweben: Lasst die Fans eure Serie übernehmen! So genial Sonic Mania war, so sehr steht Sonic Forces sich jetzt wieder selbst im Weg. Die Wispons sind eine spannende Neuerung, die aber ein größeres Spiel für mehr Trainingsmöglichkeiten benötigt hätten. Mehr aus der Geschichte zu holen ist ein toller Ansatz, aber dann muss sie auch schlüssig geschrieben sein. Classic Sonic in ein modernes Sonic-Spiel zu holen, kann auch viele Fans glücklich stimmen, aber dann müssen die Abschnitte auch mindestens so kreativ sein wie beim vergleichsweise kleinen Sonic Mania.

Sowohl die Theorien in den Fan-Foren als auch das Sonic-Mania-Team um Chris Whitehead haben bewiesen, dass es ein unglaubliches kreatives Potential unter Sonics Fans gibt. Hier schlummert der Weg, den blauen Igel wieder konkurrenzfähig zu machen. Im Moment schadet der Vergleich mit Super Mario Odyssey dem Spiel noch – schließlich bietet Nintendos Jump-’n’-Run-Flagschiff Herausforderungen und Geheimnisse für mehr als zehnmal so viele Stunden und das gesamte Spiel wirkt einfach durchdachter. Im Kern hat Sonic Forces unglaublich viele gute Ansätze, nur wird keiner wirklich konsequent durchgezogen. Damit ist die Serie definitiv auf dem richtigen Weg – nun geht es um den nächsten Schritt. Vielleicht sollte das Team Sonic dafür für einige Jahre in Klausur gehen und alle Kräfte bündeln – auch die der Fan-Entwickler!

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