Erica im Test: Mordermittlung im Psychohaus

Sony präsentierte im August vergangenen Jahres Erica, ein Live-Action Spiel bei dem wir als Spieler das Geschehen aktiv beeinflussen können.

Erica im Test

Für viele war es eine spannende Erfindung als Netflix damit begann Filme zu produzieren, bei denen man das Ende aktiv mitbestimmen konnte. Tatsächlich ist es eine alte Idee, die der Streamingdienst lediglich aus dem Archiv der Unterhaltungsbranche wieder ausgraben hat. In die Mottenkiste geriet sie, nachdem die Innovation des interaktiven Filmerlebnis circa in den 80ern erschien und nach einem Jahrzehnt wieder verschwand.

Auf der gamescom 2019 überraschte Sony mit der sofortigen Veröffentlichung des Videospiels "Erica“, nachdem der Titel zuvor fast in Vergessenheit geraten ist. Doch worum handelt es sich bei Erica? Nun, man erfährt das ungewöhnlich angenehme Gefühl, Gott spielen zu dürfen und die Fäden im Hintergrund zieht beziehungsweise mit dem Controller agiert. Ähnlich wie bei dem Action-Adventure "The Quiet Man“ von Square Enix wurde jegliche Animation oder gerenderte Sequenz außen vorgelassen, sodass man das Gefühl eines cineastischen Filmspektakels erfährt, bei dem man selbst die Finger im Spiel hat. Kurzum, Erica ist mehr interaktiver Film als Spiel.

Erica - Trailer:

Ericas düstere Vergangenheit

Man taucht in die Welt von Erica Mason ein, gespielt von Holly Earl, einer Waise, die von fürchterlichen Alpträumen geplagt wird, welche sich wieder und wieder um den Tod ihres geliebten Vaters drehen. Als sie eines Tages eine Art blutige Überraschung vor der Tür zu stehen hat, beginnt die Suche nach dem Grund des väterlichen Elterntods.

Die Story beginnt ohne großartige Einführung. Wir starten mit einem Rückblick in die Kindheit der Protagonistin, der uns einen Eindruck von ihrem Vater vermittelt und uns verrät, dass der interaktive Thriller außerdem einige übernatürliche Elemente beinhaltet. Plötzlich liegen wir, beziehungsweise Erica, im Bett und helfen ihr beim Herumkritzeln in ihrem Buch. Ein Klingeln an der Wohnugnstür unterbricht die trügerische Idylle. Vor der Tür liegt ein Paket, welches einen nicht ganz so üblichen Inhalt bereithält: Eine abgetrennte, mit Blut überströmte Hand lauert im Inneren der Box. In der Handfläche liegt eine Medaille mit rätselhaftem griechischem Symbol.

Erica

Was mag dieses Symbol bedeuten?

Das Delphi-Haus wartet bereits

Nach einem Gespräch mit dem herbeigerufenen Polizeibeamten, das eher als Einleitung in die Hauptstory dient, sitzen wir im Auto auf dem Weg zum Delphi-Haus. Dieses ist eine psychiatrische Einrichtung, welche einst von Ericas Vater gegründet wurde. Dort angekommen geht es auch los mit dem einen oder anderen paranormalen Erlebnis, bei denen wir entscheiden können, ob wir ihnen nachgehen oder uns die Suche nach Antworten mehr antreibt.

Es folgen mehrere Sequenzen, in denen man aktiv die Entwicklung des Charakters beeinflusst. Das traumatisierte Mädchen kann nun von uns in verschiedene Richtungen gelenkt werden. Sollen wir lieber freche Antworten geben oder doch eher still alles und jedem zustimmen? Wir haben die Wahl und damit auch die Qual...

Erica

Wie willst du sein, schüchtern oder authentisch?

Was geht in diesem Haus vor?

Langsam tasten wir uns als Erica an das Rätsel um die eigene Geschichte heran und finden Bestätigung für ihre Annahme, dass innerhalb der Mauern des Delphi-Hauses merkwürdige Dinge passieren. Die Entwicklung vom angsterfüllten Mädchen hin zur selbstsicheren Frau bahnt sich schrittweise durch das Gesamtgeschehen an. Erica lässt sich nach einiger Zeit die Worte nicht mehr in den Mund legen und bohrt mit Fragen, was nicht ganz unbemerkt bleibt.

Zugegeben, das anfängliche Verhalten, der ängstlich-apathischen Erica, die mit ihrem leeren Blick oft kein Wort herausbekommt, staute bei uns gelegentlich innerliche Wut auf. Frei nach dem Motto: "Warum kriegt sie bei all diesen Dingen ihren Mund nicht auf?!" Das führte aber nur dazu, dass wir uns umso mehr darüber gefreut haben, als sie sich Schritt für Schritt zu einer mutigen Frau entwickelte.

Erica

Erschafft ihren Charakter

Simple Bedienung für simple Entscheidungen

Das Handling gestaltet sich relativ simpel, da wir für das komplette Spiel nur das Touchpad des Controllers benötigen. Zu Beginn erhalten wir sogar die Möglichkeit anstatt des Controllers unser Smartphone, mithilfe der Play-Link App, zu benutzen. Durch verschiedene Wischgesten, öffnen wir ein Türschloss, begutachten Bilder oder wischen den Staub von einer Fensterscheibe weg. Diese Beispiele zeigen, dass einige der Interaktionsmöglichkeiten oft keinen allzu großen Einfluss auf das Spielerlebnis haben. 

Regelmäßig reißen uns diese kleinen Spielereien, die sich die Entwickler überlegt haben, eher aus dem Flow heraus, als dass wir das Gefühl haben, etwas Wichtiges zur Story beigetragen zu haben. Dennoch hat diese Form der Interaktivität einen Vorteil. Die einfache Bedienung lässt uns im Verlauf der Geschichte immer weiter in das Geschehen eintauchen, ohne dass wir auf komplizierte Kontrollen achten müssen und währenddessen formen wir Ericas Charakter durch die Antwortalternativen weiter.

Erica

Öfter mal spielt man einem Sturmfeuerzeug herum.

Die Stimmung stimmt

Je nach Szene haben wir eine bestimmte Zeit lang die Möglichkeit, uns für eine der gegebenen Optionen zu entscheiden. Lässt man sich zu lange Zeit, entscheidet der Charakter selbst oder es entsteht eine peinliche Stille.

Die Atmosphäre ähnelt der eines guten Tatorts (Ja, die gibt es!). Eine kontinuierlich anwachsende düstere Stimmung zieht sich durch das Spiel, untermalt von alten knarrenden Holzböden, staubiger Luft und schlecht beleuchteten Räumen. Durch manch unerwartete Zwischensequenz hatten wir meist das Gefühl, Teil eines echten Thrillers zu sein. Dadurch, dass Erica und die Nebencharaktere mit reichlich Hintergrundinformationen ausgestattet sind, zeichnen die Entwickler ein Gesamtbild, das es uns ermöglicht, uns gut in das Geschehen hineinzuversetzen und auch mal den Blickwinkel neu zu justieren, wenn eine Neuigkeit Anlass gibt, den Blick aufs Ganze zu hinterfragen.

Erica

Zugegeben, die Atmosphäre stimmt immer.

Erica kann unsere Hilfe gut gebrauchen

Um den Titel wirklich genießen zu können, muss man sich eventuell von den Erwartungen eines traditionellen Adventures distanzieren und sich einen Film vorstellen, in dem man an Stellen eingreifen kann, bei denen man sich oft denkt "Warum gehst du jetzt allein in den Keller, du dumme Nuss?!“. Die Story hält zudem sehr an einem linearen Handlungsstrang fest. Unser Eingreifen beeinflusst nur in kleinen Nuancen, in welche Richtung die Geschichte laufen soll, wodurch der Wiederspielwert sehr leidet. Bis zu einem gewissen Punkt am Ende bleibt das auch so. Zu diesem Zeitpunkt hat schlagartig jede Entscheidung einen starken Einfluss auf die Entwicklung und bestimmt, welches der vier Enden schlussendlich über den Bildschirm flimmert.

Erica

Wer mag der Mörder ihres Vaters sein?

Fazit:

Erica ist mehr Film als Spiel, aber die Mischung hat uns dennoch gefallen. Die Charakterentwicklung von Erica von einem schüchternen Mädchen, das sich in ihrer Wohnung versteckt zu einer entschlossenen jungen Frau, die Entscheidungen auf eigene Faust trifft und das Rätsel um ihre Familiengeschichte aufklärt, hat uns besonders gefallen. Gleiches gilt auch für den Spannungsbogen.

Die Geschichte ist vielseitig und gibt uns die Möglichkeit, uns in einer Reihe von Interaktionsmöglichkeiten in das Geschehen zu involvieren. Zwar kann man über den Wert einiger  Beteiligungsmöglichkeiten streiten, aber letztendlich sind wir so Teil des Ganzen. Zudem gibt es bei vier verschiedenen Enden einen gewissen Wiederspielwert, der uns nach Abschluss der Story doch noch hat zurückkehren lassen. Leider wird jedes Ende ziemlich abrupt eingeleitet. Hier hätten die Entwickler etwas mehr Feinschliff walten lassen können.

Nichtsdestotrotz ist Erica eine recht unverbrauchte Erfahrung, die abseits der üblichen Blockbuster für ein wenig frischen Wind sorgt.

Erica
Pro
Authentische Atmosphäre
Spannende Handlung
Ericas sichtbare Entwicklung
Contra
Wenige relevante Entscheidungen
Eher Film als Spiel
Erica im Test

3/5 Sterne

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