Ich vermisse miese Synchros!

Autor: Ahmet Iscitürk

Videospiele werden immer aufwendiger, perfekter und das ist schon schade irgendwie…

Ich saß neulich mit ein paar Kollegen beim Essen und wie es sich für traurige alte Säcke gehört, haben wir nur über die Vergangenheit gesprochen. So ist das halt, wenn das Leben aus zerbrochenen Träumen und Enttäuschungen besteht. Die gute alte Zeit, als alles noch perfekt war, weil eben nicht alles perfekt war.

Flight of the Amazon Queen

Besonders in der Games-Branche ging es früher entspannter zur Sache, mit einer geradezu erfrischenden Naivität. Im Bereich der Lokalisierung ist dies besonders auffällig. Früher haben sich in Übersetzungen häufig Fehler eingeschlichen und manchmal wurde die deutsche Sprachausgabe komplett in den Sand gesetzt. Heute gibt es aber nur noch wenige Ausreißer nach unten.

Die Älteren unter Euch erinnern sich vielleicht noch an das Point&Click-Adventure Flight of the Amazon Queen. Ein ausgezeichneter Vertreter des Genres, doch die deutsche Version war mieser synchronisiert als jeder Billigporno. Dagegen wirken selbst die Gespräche in Mass Effect: Andromeda glaubhaft. Die Sprachausgabe klingt so, als hätte man zwei Leute mit starken Beruhigungsmitteln gefügig gemacht, um sie anschließend in eine Tonkabine zu sperren. Man muss es selbst gehört haben, um das gesamte Ausmaß des Schreckens zu begreifen. Zum Glück gibt es ja YouTube. Außerdem empfehle ich die Mobile-Version (Android und iOS) des Spiels, welche für sehr schmales Geld zu haben ist.

1999 haben sich nicht wenige über die katastrophale Sprachausgabe des Adventures aufgeregt und die deutsche Version sogar als unspielbar bezeichnet. Seltsam: Was damals Empörung provozierte, wirkt heute geradezu charmant. Vielleicht, weil mittlerweile selbst Indie-Games glattgebügelt und hochprofessionell wirken? Wo sind die Produkte mit Ecken und Kanten geblieben? Ich fand richtig beschissene Spiele und Filme schon immer viel interessanter als das Mittelmaß. Erhält ein Produkt im Test nur 1 von 10 Punkten, wirkt es auf mich anziehender als ein 6-Punkte-Kandidat. Ich will keinen Durchschnitt – es muss entweder totaler Trash oder absolute Spitzenklasse sein. Ich will Rise of the Robots oder The Legend of Zelda: Breath of the Wild.

Superschlechtgeil!

Bei einem B-Movie können miese Technik und untalentierte Darsteller den Unterhaltungsfaktor ins Unermessliche steigern. Das beste Beispiel dafür ist der schlechteste Film der Welt: The Room. Bei Videospielen ist das (zumindest meiner Meinung nach) sehr ähnlich. 1999 habe ich locker 100 Stunden in ein Spiel investiert, das durchaus als Kot in Modulform bezeichnen werden darf: Superman 64. Die Grafik war eine Katastrophe, die Musik nervtötend und die Spielmechanik ein Witz. Es war aber mehr als die Summe seiner Teile. Es war reine Magie. Superman 64 wirkte geradezu hypnotisch auf mich, vor allem in Kombination mit Alkohol und Drogen. Dieses Spiel besteht nur aus negativen Höhepunkten und erreicht beinahe blasphemische Ausmaße. So als wollten die Entwickler die Schöpfung selbst verspotten. Selbst heute, wenn ich mir YouTube-Videos des Spiels reinziehe, bleibe ich sofort hängen.

Was ich mir auf YouTube ebenfalls immer wieder gönne, sind die Zwischensequenzen von Krazy Ivan. Viel schlechter geht es nicht, wobei die deutsche Sprachausgabe das Trash-Paket mal wieder perfekt abrundet. Ich verbinde viele traurige Erinnerungen mit dem Spiel. Im Januar 1996, an einem Samstag kurz vor Ladenschluss, wollte ich beim Händler meines Vertrauens Twisted Metal für PS1 erwerben. Leider war der Titel ausverkauft. Alternative: Bis Montag warten oder ein anderes Spiel kaufen. Natürlich habe ich nicht bis Montag gewartet, denn ein Wochenende ohne neues Spiel hätte ich niemals überlebt. Kurz: Ich habe Krazy Ivan gekauft und es bitter bereut. Montag früh rannte ich sofort wieder zum Händler. „Hier, ich möchte Krazy Ivan verkaufen. Das ist wie neu. Dafür habe ich Dir am Samstag noch 100 D-Mark bezahlt!“, schnatterte ich aufgeregt. Der Händler sah mich nur gelangweilt an und zeigte mit dem Finger auf den Krazy-Ivan-Stapel. Es war noch nicht einmal 10 Uhr vormittags und er hatte bereits ein halbes Dutzend Exemplare angekauft.

Honor wird zu Humor

Ich weiß noch wie ich Metal Gear Solid 3: Snake Eater gespielt und mich über die verschwurbelte Story geärgert habe. Ich verstand nur Bahnhof. War ich zu dumm für dieses Spiel? In einer Zwischensequenz wurde dann „Sense of Honor“ mit „Sinn für Humor“ übersetzt und schon hatte ich eine Ausrede: „Ist doch klar, dass ich die Story nicht kapiere, wenn die Deppen bei Konami alles falsch übersetzen!“ Was allerdings immer noch ein großer Quell der Freude ist: Die deutsche Sprachausgabe von Metal Gear Solid für PS1. Mit professioneller Synchro wäre das Spiel nur halb so geil. Auf Deutsch kam MGS wie meschuggener Mystery-SciFi-Agenten-Trash rüber. Ich fand es tatsächlich unterhaltsamer als die superprofessionell synchronisierte Originalversion.

Lange Rede, kurzer Sinn: Weg mit dem Perfektionismus! Ich will endlich mal wieder richtigen Trash spielen! Ich will fehlbesetzte Amateur-Sprecher, die meinen Fremdscham-Detektor zum Kochen bringen. Das hätte nämlich den weiteren Vorteil, das man richtig gute Arbeit wieder schätzen lernt. Erklärungsversuch: Wenn alle nur noch sehr gute Qualität liefern, fühlt sich „sehr gut“ irgendwann nur noch wie „ok“ an. Nichts sticht mehr hervor. Nicht umsonst hat meine Oma immer wieder betont, dass es das Böse braucht, damit das Gute existieren kann. Weisere Worte wurden nie gesprochen!

Über den Autor:

Kleinkariertes, die @SchweinOfLove Kolumne

Kleinkariertes, die @SchweinOfLove Kolumne

Ahmet Iscitürk schreibt seit 1998 über Spiele und vieles mehr. Seine Texte sind schlecht und er schämt sich dafür.

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