Nintendo Labo: Was die Zielgruppe denkt

Autor: Ahmet Iscitürk

Nintendo ist immer für eine Überraschung gut – im wahrsten Sinne des Wortes. Niemand hätte mit Pappbausätzen gerechnet, die Nintendos Switch in pädagogisch wertvolles Spielzeug verwandeln.

Ich war total erstaunt und enttäuscht über die Nintendo-Labo-Ankündigung. Schließlich warte ich immer noch sehnsüchtig auf Switch-Umsetzungen aller GameCube-, Wii- und N64-Hits. Ich träume fast täglich von GoldenEye 64 mit aufgebrezelter Grafik. Ich will kein Klavier aus Pappkartons basteln, sondern Bad Guys im Launch Silo perforieren, verdammt noch mal!

Allerdings bin ich auch Realist und muss Nintendos zielgruppengerechte Ansprache respektieren. Deshalb ist es völlig unerheblich, was ich über Nintendo Labo denke. Es geht vielmehr darum, was die Zielgruppe davon hält und deshalb habe ich einen gaming-affinen Vater interviewt.

Nintendo Labo

Nintendo Labo 

Was hältst Du von Nintendos Labo?

Labo ist ein absoluter Geniestreich, allerdings hat das Ding auch seine Schattenseiten.

Welche wären das?

Ich will es mal so sagen: Während mein Sohn Kevin Jermaine auf seinem Nintendo-Labo-Pappklavier herumklimpert, kann ich nicht Mario Kart 8 Deluxe spielen. Ich werde also eine zweite Switch-Konsole kaufen müssen und da Kevin Jermaine eine ziemlich unmusikalische Göre ist, brauche ich außerdem Noise-Cancelation-Kopfhörer.

Was sind die positiven Seiten von Nintendo Labo?

Meine Frau hat mich wegen eines Yoga-Lehrers verlassen, der ihre Gefühle nicht mit Füßen tritt. Die dumme Mistsau! Jedenfalls teilen wir uns das Sorgerecht und nun muss ich alle 14 Tage ein Wochenende mit meinem Sohn Kevin Jermaine verbringen. Freitagabend gehe ich mit ihm zu McDonalds. Da kriegt er ein Happy Meal und kann sich auf der Rutsche austoben. Anschließend werfe ich ihm Fehlverhalten vor, um einen Grund zu haben, ihn frühzeitig ins Bett zu schicken. Damit ist der Freitag schon mal abgehakt. Samstag spazieren wir zu einem Spielplatz, der direkt neben einem Kiosk angesiedelt ist. Da gönne ich mir ein paar Biere und rufe hin und wieder „Ganz toll machst Du das!“, während Kevin Jermaine versteinerte Hundescheiße aus dem Sand buddelt.

Schön und gut, aber was hat das mit Nintendo Labo zu tun?

Meine Ex hat mich auch nie ausreden lassen. Ok, dann komme ich mal zum Punkt. Single-Väter haben alle dasselbe Problem: Wie bespaße ich mein Kind auf eine Art und Weise, die auch der bescheuerten Mutter zusagt? Natürlich könnte ich Kevin Jermaine drei Tage lang vor die Glotze setzen oder einen Nintendo 3DS in die Hand drücken, aber dann hätte ich am Montag den Hate-Speech der Mutter auf dem Anrufbeantworter. „Kannst du nicht mal ein Wochenende mit deinem Sohn verbringen, ohne ihn mit Elektrosmog und Killerspielen zu vergiften? Wir sehen uns vor Gericht!“ Nintendo Labo ist die perfekte Lösung für dieses Problem. Jetzt kann ich den kleinen Penner drei Tage in die Ecke setzen und pädagogisch wertvolle Pappscheiße basteln lassen. Ich stelle ihn nicht mehr mit Videospielen ruhig, sondern fördere seine Kreativität und seinen natürlichen Spieltrieb. Das ist absolut genial!

Das heißt, Du persönlich würdest gar nicht damit spielen?

Natürlich nicht. Hätte ich kein Kind, dann würde ich diesen Papiermüll nicht einmal mit dem Arsch anschauen. Welcher Erwachsene hat denn bitte Bock, sich einen Motorrad-Controller aus Pappe zu basteln? Das ist etwas für Kinder oder sehr arme Menschen in Entwicklungsländern.

Deine Antworten weisen ziemlich misanthropische Züge auf. Könnte es sein, dass es gar keinen Interview-Partner gibt und Du die Fragen selbst beantwortet hast, Ahmet?

Deine unhaltbaren Vorwürfe kannst Du Dir zusammen mit deinem Labo-Bausatz in den Allerwertesten schieben! Ich bin ein renommierter Journalist und würde niemals zu solchen unlauteren Mitteln greifen.

Warum nennst Du dann nicht den Namen des Vaters? Wieso gibt es kein Foto des Interview-Partners?

Ganz einfach: Ich will seine Identität schützen. Es handelt sich um eine eher öffentlichkeitsscheue Person. Deshalb erscheint dieser Artikel auch relativ spät. Labo wurde ja bereits vor über einer Woche enthüllt, aber ich musste mir das Interview noch freigeben lassen. Sonst noch was?

Sorry, aber das reicht uns nicht. Schließlich betreiben wir eine seriöse Plattform, die von google-optimierten Inhalten und hochwertigem Browser-Game-Ramsch lebt. Wir können uns keinen Skandal leisten.

Alter, das liest doch sowieso kein Schwein. Ich könnte hier meine Banking-Pin-Codes veröffentlichen und hätte in einer Woche immer noch jeden Cent auf meinem Konto.

Ja, da hast du schon irgendwie recht. Vielleicht ist es an der Zeit, einfach mal alles neu zu überdenken. Nicht nur unsere Content-Strategie, sondern das Leben in seiner Gesamtheit.

Ja, in der Tat. Ich wollte immer nach Japan auswandern. Ich bin mir sicher, dass ich dort durch meine außergewöhnliche Erscheinung richtig Kohle machen könnte. Die Japaner sind ja eher klein und schmächtig, während ich recht groß, vollschlank und Glatzenträger bin. Außerdem habe ich Haare auf dem Rücken – in Japan alles andere als alltäglich!

Also eine Karriere als Darsteller in japanischen Erotik-Filmen?

Warum nicht? Man sollte sich alle Möglichkeiten offenhalten, finde ich. Ohne Scheuklappen durchs Leben gehen. Vielleicht könnte ich auch als Bodyguard für einen Yakuza-Boss arbeiten.

Ich würde gerne mit dem Rucksack nach Island reisen. Einfach nur die Natur und Ich. Ich glaube, dass man in der Einsamkeit viel über sich selbst erfahren kann.

Vielleicht sollte man aber gar nicht so viel über sich selbst wissen? Was ist, wenn Du tief in deiner Seele auf hässliche Wahrheiten stößt, die besser verborgen geblieben wären?

Das ist ein Risiko, das ich bereit bin einzugehen. Ich möchte nicht mehr wie ein ängstlicher Wurm durch das Leben kriechen. Ich bin auch etwas wert! Ich verdiene es, beachtet zu werden! Warum habe ich nur 12 Follower auf Instagram? Ich sollte 12 Millionen Follower haben!

Jawohl, geh da raus und zeige es der Welt! Du selbst bist der Schlüssel zum Erfolg! Bis nächste Woche, du charmanter Teufel!

ÜBER DEN AUTOR:

Kleinkariertes, die @SchweinOfLove Kolumne

Kleinkariertes, die @SchweinOfLove Kolumne

Ahmet Iscitürk schreibt seit 1998 über Spiele und vieles mehr. Seine Texte sind schlecht und er schämt sich dafür.

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